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Die Wölfiser Kirmes

Allgemein

Die Kirmes wird in Wölfis traditionell am ersten Novemberwochenende veranstaltet. In den letzten Jahren hat sich dies jedoch um ein Wochenende verschoben, sodass die Kirmes nun immer am zweiten Novemberwochenende stattfindet.

Ihre Entstehung verdankt die Kirmes der Einweihung unserer Kirche am 16. Oktober 1736, nachdem diese beim großen Brand von 1735 zerstört und wieder aufgebaut worden war. Betrachtet man die große Zeitspanne, in der sich dieses Fest trotz einiger Unterbrechungen so lang behaupten konnte, kann man verstehen, dass es im Laufe dieser Zeit auch Veränderungen gab. Deshalb folgt hier eine Beschreibung, wie die Kirmes in unserem Ort in den letzten 100 Jahren abgehalten wurde.

Burschenkirmes

In Wölfis hat sich die Tradition einer reinen Burschenkirmes bewahrt. Festgehaltene Kirmesgesetze regulieren unter anderem das öffentliche Auftreten (Kleiderordnung oder Haarschnitt), die gegenseitige Achtung sowie Verstöße gegen Traditionen oder Unpünktlichkeit. Die zum Teil derben Gelage beim Litertrinken gehören genauso selbstverständlich zu den vorbereitenden Kirmesversammlungen wie der eigentümliche Kirmesschrei: „Die Wölfiser Kirmes, sie lebe hoch!“

Burschen ohne Freundin mussten sich rechtzeitig um eine Kirmesjungfer bemühen. War die Auserkorene selbst bereit, musste früher dennoch die Erlaubnis im Elternhaus der Jungfer eingeholt werden. Gar oft war hier vorher ein Angstschnäpschen angebracht, was nicht selten in einem fröhlichen Umtrunk endete. Heutzutage wird das lockerer gehandhabt und die Burschen müssen nicht mehr um Erlaubnis fragen.

Kirmesveranstaltungen

Fichten holen

Zwei Wochen vor der Hauptkirmes wurde damals noch Vorkirmes gefeiert und am Tag danach sind die Kirmesburschen in den Wald gezogen, um Fichten und Reisig zu holen. Vor der Hauptkirmes wurden die Fichten dann vor dem Gotteshaus und den Tanzsälen aufgestellt. Heutzutage wird keine Vorkirmes mehr gefeiert und die Fichten werden eine Woche vor der Kirmes geholt. Dafür wird der ganze Tag genutzt: Die Kirmesburschen treffen sich zu einem gemeinsamen Frühstück und fahren dann in den Wald. Gegen 12:00 Uhr kommen sie zurück und werden von den Kirmesmädels mit einem Mittagessen empfangen. Wenn alle gestärkt sind, werden die Fichten auf dem Platz vor der Schenke geschält und aus dem Reisig Girlanden gewickelt. Abends, wenn alles fertig ist, werden Fichten und Girlanden gut und sicher verstaut. Am Freitag des Kirmeswochenendes werden die Fichten aufgestellt. Dafür treffen sich Burschen und Helfer vormittags und platzieren sie vor der Kirche und der Schenke. Die Girlanden aus Reisig werden um die geschälten Fichten gewickelt und zusätzlich von Fichte zu Fichte gehängt.

Kirmesfreitag

Am ersten Abend des Wochenendes wird traditionell der Kommersch gefeiert. Dies ist sozusagen das „Antrinken“ und bildet den Startschuss für das Kirmeswochenende. Früher wurde der Kommersch samstags veranstaltet und fand ganz ohne weibliche Gäste statt. Mittlerweile ist er zu einer feierlichen Veranstaltung geworden, bei der zu Blasmusik Jung und Alt zusammenkommen. Danach ziehen die Burschen durch das Dorf und kehren gegen 21:00 Uhr in die Schenke zurück, damit die Kirmesdisco starten kann. Die Veranstaltung ist immer bestens besucht und es wird bis tief in die Nacht ausgelassen gefeiert.

Kirmessamstag

Der Samstag beginnt um 17:00 Uhr, wenn sich die Kirmesburschen mit musikalischer Begleitung zum Gottesdienst in die Kirche begeben. Früher wurde dieser am Sonntagvormittag abgehalten. Nach dem Gottesdienst geht es zur Stärkung für den Abend zu einem zünftigen Schnitzfleischessen in eines der örtlichen Gasthäuser. Pünktlich 20:00 Uhr startet der Tanzabend dann mit dem Einmarsch und dem Eintanzen der Kirmesgesellschaft. Nach einer kurzen Rede des 1. Vorstands übernehmen lediglich zwei Burschen, die Platzmeister, den Tanzabend. Sie rufen Hoche aus und begleiten die Extratouren der ausgerufenen Paare. Beim Tanzabend wird bis tief in die Nacht gefeiert – so exzessiv, dass sich das Nachhause gehen manchmal gar nicht mehr lohnt und einige Burschen und Jungfern schon des Öfteren einfach durchgemacht haben.

Kirmessonntag

Pünktlich um 07:00 Uhr am Sonntagvormittag ziehen die Burschen mit Begleitung der Wölfiser Blasmusik durch die Straßen des Ortes. An jeder Haustür wird ein „Hoch!“ ausgerufen, sowie ein Ständchen ausgebracht, was von den Bewohnern meist mit einer kleinen Spende gewürdigt wird. Früher fanden die Ständchen am Montag statt – dazu aber im nächsten abschnitt mehr. Gegen 12:00 Uhr, nach dem Ständchenumzug, ist jeder Kirmesbursch bei seiner Kirmesjungfer zum Mittagessen eingeladen. Gegen 14:00 Uhr startet dann traditionell der Umzug durch unser schönes Dorf, ebenfalls begleitet von der Wölfiser Blasmusik. Zuschauer gibt es jedes Jahr reichlich – ganz egal, ob die Sonne scheint, es regnet oder schneit. Anschließend wird in der Schenke die Kinderkirmes für unsere kleinsten gefeiert. Früher wurde am Sonntagabend noch ein Tanzabend veranstaltet, welchen es schon seit vielen Jahren nicht mehr gibt. Doch passend zum 290-jährigen Jubiläum im Jahr 2026 soll diese Tradition wieder aufleben!

Kirmesmontag

Am Montag 05:00 Uhr ist dann die kurze Nacht zu Ende. Die Kirmesgesellschaft trifft sich mit vielen fleißigen Helfern, um die Tanzbären zu wickeln. Traditionell werden zwei junge Männer in Stroh gewickelt, bekommen Bärenmasken aufgesetzt, werden in Ketten gelegt und ziehen, begleitet von den Burschen und Musikanten, als wilde Tanzbären durchs Dorf. Dabei werden Betriebe, Schulen und Kindergärten aufgesucht. Es wird Musik gespielt, Hoche werden ausgerufen und es wird gemeinsam gefeiert. Wichtige Figuren bei diesem Treiben sind zwei als Frauen bekleidete Männer mit Tragkörben. In der Zeit, als der Großteil der Einwohner noch eigene Landwirtschaft betrieb oder ein örtliches Handwerk ausübte, wurden die Ständchen montags gebracht. Nicht alle konnten sich damals mit Geld bedanken, weshalb Wurst, Kuchen, Wein oder Selbstgebrannter genauso willkommen waren. Der Inhalt der Tragkörbe wurde abends beim Weiterfeiern geleert. Ab wann sich diese abendliche Veranstaltung zu einem gemeinsamen Essen für Kirmesgesellschaft und Helfer wandelte, ist nicht festgehalten. Heutzutage gibt es Hammelfleisch und Klöße als Dankeschön an alle, die die Kirmes möglich gemacht haben. Als feierlicher Abschluss findet die sogenannte „Kirmestaufe“ statt: Dabei werden neue Kirmesburschen, Bärenwickler oder Musiker für ihren neuen Posten offiziell getauft.

Männerkirmes

Am darauffolgenden Samstag wurde früher Männerkirmes gefeiert. Seit Anfang der 1950er-Jahre hat sich die Freiwillige Feuerwehr Wölfis der Organisation dieses Abends angenommen. Ursprünglich war dies der Abend, an dem ausschließlich verheiratete Paare das Tanzbein schwangen. Heutzutage ist selbstverständlich jeder herzlich willkommen und die Männerkirmes wird inzwischen nicht mehr eine, sondern zwei Wochen nach dem Haupt-Kirmeswochenende gefeiert.

Nachkirmes

Viele Jahre endete die Wölfiser Kirmes mit der Männerkirmes und alle freuten sich bereits auf das nächste Jahr. Doch es gab früher auch Jahre, in denen zusätzlich eine Nachkirmes gefeiert wurde. Diese fand eine Woche nach der Männerkirmes statt und wurde 2025, nach neun Jahren Pause, erstmals wieder ins Leben gerufen. Dort wird die Kirmes für das jeweilige Jahr symbolisch beerdigt: Ein vermeintlich betrunkener Gast wird als „Kirmesleiche“ auf eine Leiter gelegt und mit einem Tuch abgedeckt. Die Kirmesburschen ziehen ulkige Nachtgewänder an, setzen sich eine Schlafmütze auf und nehmen rund um die Kirmesleiche Platz. Nach dem öffentlichen Verlesen der Kirmespredigt, bei der alle Schandtaten und Peinlichkeiten der einzelnen Kirmesburschen der Reihe nach offenbart werden, endet die Wölfiser Kirmes endgültig – wahrscheinlich auch zur Erleichterung des einen oder anderen, dass die anstrengenden Festwochen nun geschafft sind. Dennoch ist die Vorfreude auf das nächste Jahr direkt wieder riesig!

Auch so mancher Fremdling, dem die Geselligkeit und unsere Freude am Feiern schon mal zum „Verhängnis“ wurde, erinnert sich gern an die Wölfiser Kirmes, die weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannt ist. Eines unserer Traditionslieder bringt es auf den Punkt: „Aber eins, aber eins, das bleibt besteh’n, besteh’n: Die Wölfiser Kirmes wird nie untergeh’n!“. Und sie darf und wird auch nie untergehen – solange sich junge Wölfiser zu diesem Fest bekennen und die Tradition mit Herzblut weiterführen. Allerdings setzt das natürlich auch einen gewissen Bierdurst voraus!

 

Spezielle Traditionen

Tanzbären

Zur Wölfiser Kirmes gehören seit jeher die Tanzbären. Über viele Jahre gab es in Wölfis zwei Kirmesgesellschaften und bei zwei Gesellschaften waren es natürlich auch zwei Tanzbären. Der eine Tanzbär wurde in ein Bärenfell gewickelt und der andere in dunkles Erbsenstroh. Dieser kirmesbrauch lässt sich wie folgt erklären: Im 17. und 18. Jahrhundert zogen vielerorts Schausteller, Musikanten und Akrobaten durch Europa, um auf Jahrmärkten, Erntedank- und Schützenfesten unter anderem auch Tanzbären zu präsentieren, die meistens aus Böhmen stammten. Aus Erzählungen geht hervor, dass die Tanzbären damals echte Bären waren. Da sie immer seltener wurden, schlüpften die Wölfiser wohl irgendwann selbst in die Rolle des Bären. Mittlerweile gibt es nur noch eine Kirmesgesellschaft, aber die Tradition mit zwei Tanzbären ist geblieben, wobei heutzutage beide in Stroh gewickelt werden. Den absoluten Rekord hält ein Dorfbewohner, der mit Abstand am häufigsten ins Bärenkostüm geschlüpft ist: Er hat sich schon rund 30-mal ins Stroh geschmissen und den Kirmesmontag als Tanzbär unvergesslich gemacht.

Kleiderordnung

Die Kleidung der Kirmesburschen besteht aus einem schwarzen Anzug, weißem Hemd, weißer Fliege und einem schwarzen Hut. Zum Eintanzen und zum Umzug am Sonntag werden zusätzlich weiße Handschuhe getragen. Geschmückt werden Anzug und Kopfbedeckungen aller Burschen mit bunten Blumengestecken und roten Bändern. Zwei Kirmesburschen stechen hierbei besonders heraus: die Platzmeister. Diese sind für das Ausrufen der Hoche und die Extratouren am Tanzabend verantwortlich. Sie tragen einen weißen Zylinder und eine weiße Schürze. Aus Erfahrungsberichten geht hervor, dass es keine Kirmes im Umkreis gibt, die diese weißen Zylinder hat. Besonders deutlich wurde das immer beim Kreiskirmestreffen, bei dem unsere Kirmesgesellschaft durch die Kopfbedeckung stets ein echter Hingucker war. Beim gemeinsamen Umzug aller Gesellschaften durfte Wölfis mit seinen Platzmeistern deshalb oft den Anfang machen! Die Kirmesjungfern tragen das gesamte Kirmeswochenende elegante Kleider und tragen bunte Blumengestecke im Haar. Das wichtigste Utensil für jedes Mitglied der Gesellschaft ist allerdings die Kirmesbatsche. Sie lässt sich wie ein kleines Musikinstrument verstehen: Durch ihre mehreren Lamellen erzeugt sie beim rhythmischen Schlagen auf die Handfläche oder den Oberschenkel einen laut klatschenden Ton, der die Musik perfekt ergänzt oder einfach als lautstarker Beifall dient. Hergestellt wird sie seit jeher aus Eschenholz, da dieses eine außergewöhnlich hohe Bruchfestigkeit besitzt.

Autor

martinwalter89@googlemail.com